Warum jede frühe Projektschätzung falsch ist, was Meteorologen und Softwareingenieure seit Jahrzehnten unabhängig voneinander darüber herausgefunden haben – und warum das kein Grund ist, mit dem Schätzen aufzuhören.
Frank Deppenmeier via plandoo — Oktober 2026
1. Der Trichter, der die Falschen beschuldigt
Jeden Sommer wiederholt sich an der amerikanischen Golfküste dasselbe Ritual. Ein tropischer Wirbelsturm formiert sich, der National Hurricane Center veröffentlicht seine erste Vorhersagegrafik, und Millionen Menschen starren auf einen weißen Trichter, der sich über die Karte zieht. Dieser Trichter – offiziell "Track Forecast Cone", umgangssprachlich "Cone of Uncertainty" – ist eine der meistmissverstandenen Grafiken der angewandten Wissenschaft. Er zeigt nicht, wo der Sturm Schaden anrichten wird. Er zeigt auch nicht die Größe des Sturms. Er zeigt, mit einer Wahrscheinlichkeit von zwei Dritteln, wo das Zentrum des Sturms in den nächsten Tagen vermutlich hindurchziehen wird – berechnet aus den Vorhersagefehlern der letzten fünf Jahre (National Hurricane Center, o. J.). Mehr nicht. Und genau das ist das Problem.
Eine Studie der University of Miami fand nach Hurrikan Ian im September 2022 heraus, dass fast die Hälfte der befragten Floridianer glaubte, außerhalb des Trichters sei man sicher. Rund 40 Prozent dachten, der Trichter zeige, wo der Sturm Schäden verursachen würde (Evans et al., zit. nach University of Miami, 2022). Der Meteorologe Brian McNoldy, einer der beteiligten Forscher, brachte es auf den Punkt: "Der Kegel hat schon immer dasselbe bedeutet: eine Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit dafür, wo das Zentrum des Sturms hindurchziehen wird" (McNoldy, zit. nach University of Miami, 2022). Nur hat das kaum jemand verstanden – und als Ian dann an einer Stelle auf Land traf, die zwar innerhalb, aber am Rand des Kegels lag, war die öffentliche Empörung groß. Der Vorhersage wurde vorgeworfen, falsch gelegen zu haben. Sie hatte, streng genommen, exakt das gemacht, was sie versprochen hatte: eine Bandbreite nennen, keinen Punkt.
Wie diese Zwei-Drittel-Wahrscheinlichkeit konkret zustande kommt, ist dabei alles andere als Beliebigkeit: Der Radius jedes einzelnen Kreises entlang der Zugbahn wird jede Saison neu aus den tatsächlichen Vorhersagefehlern der vergangenen fünf Jahre berechnet – im Atlantik reicht das von rund 25 nautischen Meilen für die Zwölf-Stunden-Vorhersage bis zu etwa 200 nautischen Meilen für die Fünf-Tage-Vorhersage (National Hurricane Center, o. J.). Der Kegel wird also nicht aus Vorsicht großzügig gezeichnet, sondern aus Erfahrung exakt bemessen. Je weiter der Vorhersagehorizont, desto breiter die ehrliche Spanne – eine Eigenschaft, die sich eins zu eins auf jede Projektschätzung übertragen lässt, nur dass dort niemand im Vorfeld eine Fehlerstatistik der letzten fünf Jahre vorliegen hat, es sei denn, er hat sie sich selbst angelegt.
Projektleiterinnen und Projektleiter kennen dieses Gespräch. Nur findet es nicht am Golf von Mexiko statt, sondern im Kickoff-Meeting, zwanzig Minuten nachdem die Vorstellungsrunde zu Ende ist. "Und wann ist das Ganze fertig?" Zu diesem Zeitpunkt gibt es weder ein vollständiges Anforderungsdokument noch einen Blick in die Altsysteme, die später für die meisten Überraschungen sorgen werden. Trotzdem soll eine Zahl her, am besten ein Datum. Wer sie nennt, hat damit – gewollt oder nicht – meist schon eine Zusage gemacht, die Monate später als Vorwurf zurückkommt, wenn der tatsächliche Aufwand höher ausfällt. Die Parallele ist kein literarischer Kniff. Es ist dieselbe Struktur, nur mit anderem Maßstab: Auf der einen Seite die Zugbahn eines Sturms, auf der anderen Seite der Aufwand eines Softwareprojekts. Beide sind zu Beginn unsicher – nicht weil jemand schlecht gearbeitet hat, sondern weil entscheidende Informationen schlicht noch nicht existieren. Und beide werden von denselben zwei Dingen bedroht: der menschlichen Lust auf einen einzigen Punkt und der menschlichen Tendenz, diesen Punkt mit Gewissheit zu verwechseln.