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Ein Vertriebsleiter hat vor drei Monaten eine zweistündige "KI-Einführung" für sein Team gebucht. Alle waren dabei, die Folien waren gut, es gab sogar ein Zertifikat. Heute nutzt kaum jemand im Team ein KI-Tool im Alltag – und wenn doch, dann zufällig, ohne System, meist für Kleinigkeiten. Die Schulung war kein Fehler. Sie war nur die Antwort auf die falsche Frage. Die Frage war nicht "Wie erkläre ich KI in zwei Stunden?", sondern "Wie wird aus punktuellem Wissen eine Fähigkeit, die im Arbeitsalltag tatsächlich abrufbar ist?" Genau das unterscheidet Kompetenzaufbau von Wissensvermittlung – und genau daran scheitern viele gut gemeinte Initiativen in mittelständischen Unternehmen.

Warum einmalige Schulungen selten reichen

Kompetenz ist kein Zustand, der nach einem Seminar erreicht ist, sondern das Ergebnis von Wiederholung, Anwendung und Rückmeldung. Aus der Erwachsenenbildung ist das gut belegt: Wissen, das nicht innerhalb weniger Tage angewendet wird, verblasst rapide – der sogenannte Vergessenskurve-Effekt ist zwar in seiner ursprünglichen Form über hundert Jahre alt, seine Grundaussage bestätigt sich aber in jeder modernen Weiterbildungsstudie neu. Eine Schulung ohne Anwendungsfenster direkt danach ist damit strukturell benachteiligt, bevor sie überhaupt beginnt.

Hinzu kommt: KI-Tools verändern sich schneller als klassische Software. Ein Schulungsstand von vor sechs Monaten kann heute in Teilen veraltet sein. Wer Kompetenzaufbau als einmaliges Projekt statt als kontinuierlichen Prozess versteht, baut also auf einem Fundament, das sich unter den Füßen bewegt.

Das 70-20-10-Prinzip als Leitplanke

Ein bewährtes, wenn auch nicht wissenschaftlich exakt zu belegendes Faustmodell aus der Personalentwicklung besagt, dass Lernen zu etwa 70 Prozent aus der praktischen Arbeit selbst entsteht, zu 20 Prozent aus Austausch mit anderen und nur zu 10 Prozent aus formalen Formaten wie Schulungen oder Kursen. Für den KI-Kompetenzaufbau im Mittelstand lässt sich das sehr konkret übersetzen:

Die 10 Prozent sind die Basis-Schulung – notwendig, um Grundbegriffe, Grenzen und Risiken zu verstehen, aber bewusst kompakt gehalten. Die 20 Prozent entstehen durch strukturierten Austausch: kurze wöchentliche Runden, in denen Teammitglieder zeigen, was sie mit KI-Tools ausprobiert haben, was funktioniert hat und was nicht. Die 70 Prozent – der eigentlich entscheidende Teil – entstehen dadurch, dass Mitarbeitende reale Aufgaben mit KI-Unterstützung bearbeiten, mit Zeit zum Ausprobieren und der Erlaubnis, dabei auch Umwege zu gehen.

Diese Verschiebung ist der Kern des Problems bei vielen Initiativen: Es wird fast ausschließlich in den formalen Anteil investiert, weil er am einfachsten zu organisieren und zu dokumentieren ist. Die wirksamen 90 Prozent bleiben dem Zufall überlassen.

Rollen statt Gießkannenprinzip

Nicht jede Person im Unternehmen braucht dieselbe Kompetenztiefe. Ein Vertriebsmitarbeiter, der KI zur Vorbereitung von Kundengesprächen nutzt, braucht andere Fähigkeiten als eine Projektleiterin, die KI-gestützte Risikoanalysen in ihre Steuerung integriert, oder eine IT-Verantwortliche, die über den Einsatz von KI-Systemen entscheidet. Sinnvoll ist ein einfaches Drei-Stufen-Modell: eine Basiskompetenz für alle (Grundverständnis, sicherer und verantwortungsvoller Umgang, Kenntnis der internen Leitlinien), eine Anwendungskompetenz für Rollen mit regelmäßigem operativem Einsatz und eine Gestaltungskompetenz für wenige Personen, die Tool-Auswahl, Governance und Skalierung verantworten. Diese Differenzierung spart Ressourcen, weil nicht alle das Gleiche lernen müssen – und erhöht gleichzeitig die Akzeptanz, weil Inhalte relevanter werden.

Ein Aspekt wird dabei oft übersehen, ist aber inzwischen mehr als eine Empfehlung: Der EU AI Act verpflichtet Unternehmen, die KI-Systeme einsetzen, seit Februar 2025 in Artikel 4 dazu, für ein "ausreichendes Maß an KI-Kompetenz" bei Personal und beauftragten Dritten zu sorgen. Was genau ausreichend bedeutet, ist bewusst offen formuliert und hängt von Rolle, Vorwissen und Einsatzkontext ab – ein rollenbasiertes Kompetenzmodell ist damit nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch der naheliegende Weg, diese Pflicht nachvollziehbar zu erfüllen.

Der Faktor Zeit – und warum er meist fehlt

Der häufigste Grund, warum Kompetenzaufbau im Alltag versandet, ist banal: Es fehlt schlicht die geschützte Zeit zum Üben. Wenn Mitarbeitende KI-Tools nur "nebenbei, wenn gerade Luft ist" ausprobieren sollen, verliert dieses Vorhaben in jedem realistischen Tagesgeschäft gegen dringendere Aufgaben. Wirksamer ist es, feste, kleine Zeitfenster zu etablieren – etwa eine Stunde pro Woche, die explizit fürs Ausprobieren reserviert ist und nicht für "richtige" Aufgaben verwendet werden darf. Diese Fenster sind klein genug, um im Kalender zu überleben, und regelmäßig genug, um Routine entstehen zu lassen.

Ein typisches Beispiel

Ein mittelständischer Maschinenbauer wollte KI-Kompetenz im Projektteam aufbauen und startete zunächst klassisch mit einer externen Tagesschulung für alle 18 Teammitglieder. Drei Monate später zeigte eine informelle Umfrage: Nur vier Personen nutzten KI-Tools regelmäßig, der Rest hatte es "nicht geschafft, damit anzufangen". Statt einer zweiten großen Schulung führte das Unternehmen wöchentliche 30-Minuten-Runden ein, in denen abwechselnd jemand einen konkreten Anwendungsfall vorstellte – von der automatisierten Protokollzusammenfassung bis zur KI-gestützten Risikoabschätzung im Projektplan. Zusätzlich bekam jedes Teammitglied eine feste halbe Stunde pro Woche zum Ausprobieren, dokumentiert in einer einfachen gemeinsamen Liste. Nach einem halben Jahr nutzten 15 von 18 Personen KI-Tools aktiv im Arbeitsalltag – nicht weil sie mehr Wissen erhalten hatten, sondern weil sie mehr Gelegenheit zur Anwendung hatten.

Auf den Punkt

Kompetenzaufbau ist kein Ereignis, sondern ein System aus wiederkehrender Anwendung, Austausch und punktuellem Input – in dieser Gewichtung, nicht umgekehrt. Wer nur die formale Schulung organisiert, hat den kleineren und weniger wirksamen Teil der Arbeit erledigt. Entscheidend sind ein rollenbasiertes Kompetenzmodell statt Gießkannenprinzip, feste geschützte Zeitfenster fürs Ausprobieren und regelmäßiger Austausch über reale Anwendungsfälle. Das ist weniger spektakulär als eine große Kick-off-Veranstaltung – aber es ist der Unterschied zwischen einem Zertifikat in der Schublade und Fähigkeiten, die im Projektalltag tatsächlich ankommen.

(Erstellt mit KI-Unterstützung, redaktionell geprüft)